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09.06.2021

Über dem Regenbogen

Der Juni gilt als Pride Month, weltweit finden deshalb queere Veranstaltungen statt. Die Kuratorin Christiane Erharter arbeitet im Belvedere und ist Expertin für queere Kunst.

Sie erklärt dir, warum es für Museen wichtig ist, ihre Sammlungen queer zu lesen. Und queere Kunstschaffende zu fördern.

Was ist queere Kunst?

Ich sehe sie stark verhaftet in einer feministischen künstlerischen Praxis, die in den 1960er-Jahren begonnen hat. Es ging darum, aus Rollenbildern auszubrechen und den Körper zu befreien, ihn anders darzustellen. Da knüpft die queere Kunst oft an, sie sucht unterschiedliche Darstellungen von Identität, jenseits von Geschlechternormen. Es ist aber auch ein Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung. Queere Kunst ist viel mehr als die Auseinandersetzung mit sexuellem Begehren, und sie ist nicht nur für queere Communities wichtig. Weil es um Inhalte und politische Haltungen geht, hat sie den Anspruch, gesamtgesellschaftliche Aussagen zu treffen.

Christiane Erharter © Belvedere Wien, Foto: Ouriel Morgensztern

Du bist für das Queering des Belvedere zuständig. Was machst du da genau?

Ich hole queere Inhalte ins Programm des Belvedere und spreche queere Communities an. Aber wir schauen auch, was in der eigenen Kunstsammlung und in der Geschichte des Hauses queer ist. Prinz Eugen von Savoyen hat das Belvedere und die Schlossanlage erbauen lassen. Ihm wird nachgesagt, dass er sexuelle Verhältnisse mit Männern gehabt haben soll. Man kann ihn also queer lesen. Aber man muss auch aufpassen, im 17./18. Jahrhundert, als er gelebt hat, gab es das Konzept der Queerness noch gar nicht.

Er hätte gar nicht offen homosexuell leben können?

Homosexualität wurde lange sogar strafrechtlich verfolgt. Der Historiker Andreas Brunner hat sich eingehend mit Prinz Eugen beschäftigt. Das Gerücht kursiert schon lange, dass Prinz Eugen schwul gewesen sein soll. Brunner hat sich die Mühe gemacht, historische Quellen zu lesen und das wissenschaftlich zu fundieren. Brunner ist übrigens auch Stadtführer und bietet Spaziergänge zur queeren Stadtgeschichte Wiens an – das ist eine sehr spannende Perspektive auf die Stadt.

Pride-Fahnen vor dem Oberen Belvedere / Belvedere 21 © Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll

Gibt es in Wien denn viele queere Künstler*innen?

Es gibt eine sehr lebendige queere Kunstszene. Philipp Timischl, Toni Schmale oder Ana Hoffner waren mit Einzelausstellungen in Wiener Galerien und Institutionen präsent. Das hat auch damit zu tun, wer an den Kunstuniversitäten unterrichtet. Renate Lorenz, Dorit Margreiter, Julian Göthe, aber auch Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl setzen sich stark für queere Kunst ein. Scheirl und Knebl werden nächstes Jahr bei der Kunstbiennale in Venedig auch den österreichischen Pavillon bespielen. Die Venedig-Biennale ist eines der wichtigsten internationalen Kunstevents. Das ist ein starkes Signal und eine große Auszeichnung, dass Österreich dieses Paar dafür ausgesucht hat.

Im Juni ist Pride Month. Was bedeutet das?

Das hat mit der Geschichte der Pride Parade beziehungsweise Regenbogenparade zu tun, wie sie in Wien genannt wird. In Deutschland spricht man eher vom Christopher Street Day. 1969 gab es in dieser Straße in New York eine Demonstration von queeren Menschen, die sich gegen Polizeigewalt gewehrt haben. Es gab viele Verletzte aufseiten der queeren Community. An Gedenken an diese Riots wird jedes Jahr im Juni der Christopher Street Day begangen, und es finden weltweit zahlreiche Veranstaltungen für Vielfalt und Toleranz statt. Deshalb ist der Juni auch der Monat des Stolzes (englisch Pride), man ist stolz auf seine Identität und Geschichte. Und trägt diese zur Schau.

Was wird künstlerisch im Belvedere passieren?

Viele Museen bieten mittlerweile eine queere Lesart ihrer Sammlungen an. Es gibt queere Führungen, bei denen bestimmte Kunstwerke auf ihren Queerness-Faktor untersucht werden. Diese Touren gibt es auch bei uns. Wir organisieren zudem ein queeres Filmfestival, eine Magazin-Präsentation und eine Installation im Barockgarten: Auf Initiative des Künstlers Ugo Rondinone haben 1.600 Volksschüler*innen den Regenbogen interpretiert. Daraus entsteht das weltgrößte Regenbogen-Bild als Zeichen der Hoffnung, Toleranz und Diversität.