Kunstforum spoerri 2376

21.04.2021

Daniel Spoerri: 5 Werke, die du nicht verpassen solltest

Der Zufall führt gern Regie in den Werken des Schweizer Objektkünstlers Daniel Spoerri. Vielleicht kennst du seine „Fallenbilder“? Das sind die festgeklebten Überreste eines gedeckten Tischs, der an die Wand gehängt wird. Leere Teller, volle Aschenbecher, ein zufälliges Durcheinander.

Daniel Spoerri, der 1930 in Rumänien geboren wurde, hat unter anderem Kochbücher geschrieben, einen Künstler*innengarten in der Toskana angelegt und Filme gedreht. „Mir war wichtig zu zeigen, dass er ein Universalkünstler ist“, sagt Veronika Rudorfer. Sie hat eine umfassende Ausstellung über Spoerri im Bank Austria Kunstforum Wien kuratiert. Und erklärt dir hier exklusiv, welche fünf Kunstwerke du auf keinen Fall verpassen solltest in dieser tollen Schau, die auch extrem Spaß macht.

Der General, 1962
Foto: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln

1. Der General, 1962

Daniel Spoerri liebt Flohmärkte. Seit 2007 lebt er in Wien, in der Nähe des Naschmarkts. Wenn kein Corona-Lockdown ist, sieht man ihn samstags oft am Flohmarkt, er ist ständig auf der Jagd nach Objekten. In seiner Wohnung hat er eine riesige Sammlung an Alltagsgegenständen, von präparierten Tieren über alte Kinderschuhe bis zu Instrumenten eines Zahnarztes aus dem 19. Jahrhundert. Das Objektbild „Der General“ habe ich deshalb ausgewählt, weil man gut sehen kann, wie Spoerri arbeitet: Er lädt gefundene Dinge mit einer neuen Geschichte auf. Das Bild hat er auf einem Pariser Flohmarkt entdeckt und dann unter anderem ein Blutdruckmessgerät, Bonbons oder Sicherheitsnadeln hinzugefügt. Ein altehrwürdiges Militärporträt wird dadurch auf eine humorvolle Art und Weise umgedeutet und erhält eine neue Bedeutung.

Santo Grappa, 1971
Foto: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln

2. Santo Grappa, 1971

Das ist die erste Bronzearbeit von Daniel Spoerri. Ab 1971 beschäftigt er sich intensiv mit dem Material, der Höhepunkt ist dann Il Giardino, ein riesiger, öffentlich zugänglicher Park in der Toskana voll mit Kunstwerken.

Spoerri liebt Sprachspiele und Mehrdeutigkeiten. Am besten, du schaust dir einmal eines der vielen Videointerviews mit ihm an, dann merkst du, dass er ein sehr humorvoller Mensch ist. Zum Titel „Santo Grappa“ gibt es auch eine schöne Anekdote: Spoerri hat in den späten 1960er-Jahren ein Restaurant in Düsseldorf eröffnet. Als Wirt musste er mit den Gästen immer viel trinken. Er sagt, seine Arbeit an „Santo Grappa“ – mit einem sehr sprechenden Titel – habe ihn von dieser „Pflicht“ befreit.

Restaurant de la City Galerie, 1965 © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021

3. Restaurant de la City Galerie, 1965

Da hat man doch gleich Lust, sich dazuzusetzen. Die Geschichte zu den sogenannten „Fallenbildern“ ist spannend. Ab 1963 hat Spoerri immer wieder für eine kurze Zeit Galerien in Restaurants verwandelt. Er kochte dann, und Kunstkritiker, damals nur Männer, waren die Kellner. Menschen, die sonst in der Zeitung eine Kunstkritik verfassen, servierten auf einmal den Besucher*innen das Abendessen. Natürlich gab es darauf lustige Reaktionen: Endlich hätten die Kunstkritiker mal einen sinnvollen Job gefunden, stand damals in einigen Zeitungen etwas bissig. Am Ende des Abends wurden die Tische dann fixiert, am nächsten Tag hingen sie an der Wand. Für die Restaurator*innen waren sie eine große Herausforderung. Siehst du in den Brotkörbchen die zwei Weckerln? Im Laufe der Jahrzehnte haben sich einige Tiere daran zu schaffen gemacht. Mittlerweile ist die Chemie natürlich weiter, man kann die Gegenstände mit Lacken und Harzen für die Ewigkeit festhalten. Damit keine Tierchen mehr reinkrabbeln.

Palette pour Grégoire Müller, 1992 Foto: © Tilman Daiber

4. Palette pour Grégoire Müller, 1992

Diese Arbeit stammt aus der Serie der „Künstlerpaletten“. Darin fixiert Daniel Spoerri Arbeitstische von befreundeten Künstler*innen als „Fallenbilder“ – beispielsweise von Erik Dietman oder Katharina Duwen. Mich beeindruckt, dass man auf diese Weise einen Einblick in die individuelle Arbeitssituation der Kunstschaffenden bekommt und in gewisser Hinsicht ein Porträt aus Objekten entsteht. In der Künstlerpalette für Grégoire Müller sehen wir den Arbeitstisch eines Malers, voll mit Tuben und Terpentinflaschen.

Se laisser manger la laine sur le dos, 1965 © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021

5. Se laisser manger la laine sur le dos, 1965

Eine meiner Lieblingsarbeiten aus der Ausstellung ist diese „Wortfalle“: In dieser Serie setzt Daniel Spoerri Sprichwörter und Redensarten mittels Objekten wortwörtlich ins Bild. Konkret sehen wir hier die französische Redensart „Se laisser manger la laine sur le dos“ – wortwörtlich übersetzt „Sich die Wolle vom Rücken essen lassen“ als Objektbild umgesetzt. Im Deutschen gibt es ein Sprichwort, das eine ähnliche Bedeutung hat, nämlich: Sich die Butter vom Brot nehmen lassen. Für mich zeigt diese Arbeit, wie unterschiedlich die Sprachbilder von Sprache zu Sprache sind, und dabei doch das Gleiche meinen können.

Weitere Infos zur Ausstellung findest Du hier