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Concert for Anarchy, 1990
Foto: Gregor Titze

26.09.2021

Blut in den Adern

Rebecca Horn, 77, ist eine der berühmtesten deutschen Künstlerinnen: Sie hat Maschinen gebaut, die ihre Federn wie Pfauen aufplustern, Klaviere an die Decke gehängt und Menschen in Kostümen mit Schläuchen auftreten lassen. Ihr Werk ist poetisch und brutal zugleich. Das Kunstforum Wien zeigt vom 28. September bis zum 23. Jänner 2022 nun eine große Schau.

Bettina M. Busse, Kuratorin der Ausstellung, hat Rebecca Horn bereits als Studentin Mitte der 1990er-Jahre in Berlin kennengelernt, als Horn Professorin an der Universität der Künste war. „Sie war eine unglaubliche Erscheinung mit ihren roten Haaren. Eine echte Diva“, erinnert sich Busse, die dir exklusiv erklärt, welche fünf Kunstwerke du auf keinen Fall verpassen solltest.

Kuratorin Bettina M. Busse
Foto: Natalie Würnitzer

1. Concert for Anarchy, 1990

Ein spektakuläres Werk. Regelmäßig fallen die Tasten heraus und erzeugen Töne. Zugleich hängt dieses Klavier stark mit Rebecca Horns filmischem Werk zusammen. Es kommt in ihrem letzten großen Spielfilm „Buster’s Bedroom“ vor, in dem es um eine junge Frau geht, die vom Stummfilmstar Buster Keaton fasziniert ist. Der rote Faden unserer Ausstellung im Kunstforum ist ja der Zusammenhang von Horns filmischem Werk mit ihren Skulpturen und Installationen. Das lässt sich an diesem Klavier besonders gut festmachen. Im Film hängt es aber nicht von der Decke, sondern einer der Protagonisten spielt darauf. Notenblättern liegen in dieser Szene auf dem Boden, durch einen Windstoß fliegen sie durch den ganzen Raum.

Concert for Anarchy
Foto: Gregor Titze

2. Concerto dei Sospiri, 1997

Dieses Werk ist anlässlich der Biennale in Venedig entstanden. Sie war damals eine der Hauptkünstlerinnen und hat einen riesigen Raum bespielt. Diese Installation besteht aus Schutt und Paletten von abbruchreifen Häusern in Venedig. Aus den Kupfertrichtern kommt Sound, aber nicht Musik, sondern Wispern und Flüstern in verschiedenen Sprachen. Eher Klagelaute, Seufzer, die anregen sollen, in sich zu gehen. Diese Arbeit hat etwas unglaublich Poetisches und Melancholisches. Auf der anderen Seite hat man dieses Material, das roh und brutal ist. Diese Widersprüche zu vereinen, liebt sie sehr. Es gibt Trauer, Klage, Brutalität auf der Welt. Aber gleichzeitig gibt es auch die Schönheit.

Concerto dei Sospiri
Foto: Gregor Titze

3. Überströmer, 1970

Eine frühe Arbeit, die für eine Performance gedacht war. Man sieht hinten ein Foto von einem jungen Mann. Er steht da, angeschlossen an die Schläuche, es fließt rot gefärbtes Wasser, man denkt sofort an Blut. Als ob seine Adern außen wären. Wir zeigen auch drei Filme, die Rebecca Horns Performances zusammenfassen, die gerade in der Frühphase wichtig waren. Es gibt welche, in denen sie selbst auftritt, aber meist lässt sie andere performen. Rebecca Horn war übrigens 1972 die jüngste documenta-Künstlerin und hat sich dann flächendeckend durchgesetzt. Sie war eine der wenigen Frauen, der das zu dieser Zeit gelungen ist. Dabei hat sie sich aber nie von einer Kunstrichtung vereinnahmen lassen. Sie ist ein sehr unabhängiger, freiheitsliebender Geist mit einer starken politischen Haltung.

Überströmer
Foto: Gregor Titze

4. High Moon, 1991

Eine Installation, die sehr dramatisch zwischenmenschliche Beziehungen thematisiert: Es geht um Erotik, Hass und Liebe. Sie sagt, die Gewehre symbolisieren das Verlangen. Sie richten sich aufeinander und schießen regelmäßig. Dann gibt es einen Knall. Maschinen interessieren sie überhaupt sehr. Das hat sicher auch mit ihrer Liebe zu Buster Keaton und Stummfilmen zu tun, in denen Objekte eine größere Bedeutung haben, weil es ja keine Sprache gibt. Sie waren viel mehr inhaltlich aufgeladen. Rebecca Horn ist eine Vorreiterin darin, dass die Objekte ihre Filme verlassen und dann in die Ausstellung gehen. Meist geht es in der Kunst ja andersrum.

High Moon
Foto: Gregor Titze

5. Die Pfauenmaschine, 1981

Eine Ikone in ihrem Werk, es gibt sie in verschiedenen Varianten, einmal auch ohne Federn. Dann sind nur mehr die Spitzen zu sehen. Diese Pfauenmaschine von 1981 hat einen tollen Auftritt in dem Film „La Ferdinanda. Sonate für eine Medici-Villa“, da bewegt sie sich im Raum, spreizt die Federn. Es ist diese unglaubliche Theatralik, die Horn an diesem Tier so fasziniert.

Die Pfauenmaschine
Foto: Gregor Titze