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Peter Stephan Jungk
Foto: Bank Austria Kunstforum

12.10.2021

Schneider des Herzens

Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk ist mit der Künstlerin Rebecca Horn befreundet. In einer digitalen Führung zur Ausstellung im Bank Austria Kunstforum beschreibt er, wie ihre Ateliers aussehen und was das Besondere an Horns sehr spielerischen Kunstwerken ist.

Um dir Lust auf diese Führung zu machen, erzählt dir Jungk exklusiv, wie er Rebecca Horn kennengelernt hat und warum Horns Werk sowohl Kinder als auch Erwachsene begeistert.

Concert for Anarchy
Foto: Gregor Titze

Bank Austria Kunstforum Wien
Foto: Bank Austria Kunstforum

Humor spielt im Werk von Rebecca Horn eine riesige Rolle. Ich würde sogar sagen, es ist eine Grundhaltung von ihr. Sie ist zugleich ein sehr ernster Mensch, hat viele Installationen gemacht, die sich mit der Nazizeit auseinandersetzen. Aber dann gibt es immer wieder ihre Freude am Spielerischen, ihre Lust am Experimentieren. Ich habe mit Leuten gesprochen, die ihre Kinder in die Ausstellung ins Bank Austria Kunstforum mitgenommen haben – und die waren begeistert. Horns Kunst ist alterslos, von sieben bis 107 kann man sich diese Ausstellung mit Vergnügen anschauen.

Dialog zwischen Herz und Kunst

Wir haben uns vor 14 Jahren unter eher unglücklichen Umständen kennengelernt. Ohne meine Herzoperation wären wir uns nie so nah gekommen. Ein Chirurg hätte diese vornehmen sollen, der eigentlich viel zu alt dafür gewesen ist. Ich habe Panik bekommen, ein Freund hat mir dann einen anderen Arzt empfohlen. Und es hat sich herausgestellt, dass dieser Chirurg mit Rebecca Horn liiert war. Dieser Mann war eine wichtige Beziehung für sie, sie hat auch eine Arbeit für ihn geschaffen: Der Schneider des Herzens.

Beim ersten Termin wollte ich mit diesem Arzt sofort über Rebecca Horn sprechen, ich bin ja kein sonderlich diskreter Mensch. Er meinte, dann könne er mich aber nicht mehr operieren, er hätte nicht die nötige Distanz. Das habe ich sofort verstanden. Nach der Operation haben wir dann angefangen, uns regelmäßig zu treffen. Rebecca und ich waren schnell sehr nah, als hätten wir uns immer schon gekannt. Ich habe sie dann oft in ihren Ateliers besucht. Und habe ihr und dem Chirurgen meinen Roman ‚Das elektrische Herz‘ gewidmet, einen Dialog zwischen einem Stückeschreiber und seinem Herzen. Die beiden streiten und lieben sich.

Rebecca Horn
Foto: Gunter Lebkowski

High Moon
Foto: Gregor Titze

Rebecca Horns Traumfabrik

Eigentlich hätte Rebecca Horn ja die Textilfabrik ihres Vaters übernehmen sollen. Ihre beiden Brüder waren gestorben, aber Rebecca dachte nicht im Traum daran, dieses Erbe weiterzuführen. So ist der Vater enttäuscht gestorben, und die Fabrik lag 30 Jahre lang brach. Sie ist langsam verfallen, bis Rebecca dann dort ihre Ateliers eingerichtet hat. Für ihre Maschinen, die ja auch im Kunstforum zu sehen sind, braucht man Platz. Sie macht das ja nicht alles alleine, hat einen fabelhaften Techniker, der mit ihr arbeitet. Aber es ist trotzdem ihre Schöpfung. Sie arbeitet wie in einer Fabrik, ich nenne es eine Traumfabrik, weil dort diese erstaunlichen Werke entstehen.

Träume und Seufzer: Peter Stephan Junks Lieblingsarbeit

Privat redet sie lieber über etwas anderes als ihre Arbeit. Schriftsteller reden ja auch ungern über ihre Werke. Da ist sie eher zurückhaltend. Das Unsichtbare ist ihr wichtiger als das Sichtbare. Sie ist jemand, der sich nicht nur auf dem Boden der Tatsachen bewegt. Sie wandert gerne ins Traumähnliche und Metaphysische hinüber. Und nimmt ihre Träume wirklich wichtig, setzt diese auch in ihrer Arbeit um. Ich finde faszinierend, wie sie realen, oft auch schweren Dingen eine poetische Leichtigkeit abgewinnt. Eine meiner Lieblingsarbeiten von ihr ist der Schildkrötenseufzerbaum von 1994. Da wachsen Trichter aus den Ästen, und man hört an die 30 Stimmen. Menschen aus aller Welt klagen da über irgendetwas, das sie bedrückt. Gleichzeitig hat das gar nichts Deprimierendes. Im Gegenteil, es ist erstaunlich beglückend, sich diese traurigen Stimmen anzuhören.