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Sigrid Viir - False Vacationer, Foto: Simon Veres / Christine König Galerie

23.11.2021

Schule des Sehens

Wie gelingt es, ein Kunstwerk möglichst präzise mit Sprache zu erfassen? Wie schreibe ich einen Verriss? Das sind Fragen, die sich der in Wien lebende Autor und Kurator Victor Cos Ortega stellt. Er hat gerade den AICA Preis für junge Kunstkritik bekommen.

Ortega ist eigentlich ein Quereinsteiger, er hat zuerst Bühnenbild fürs Theater studiert bevor er auf Kunstgeschichte umgesattelt und Textproben an Zeitungen geschickt hat. Das artmagazine erkannte sein Talent und nahm ihn in sein Förderprogramm auf.

Victor Cos Ortega, Foto: artmagazine.cc

Ausstellungsansicht Milen Till, Foto: artmagazine.cc © Crone Wien

Mit einem Verriss geht man ein Risiko ein

Um Kritiken zu schreiben, braucht man Selbstvertrauen. Womöglich sind deine Kolleg*innen von einer Ausstellung begeistert, während du Punkte hast, die du kritisch anmerken möchtest. „Am Anfang ist es mir schwergefallen, eine Position zu beziehen“, sagt der junge Kunstkritiker Victor Cos Ortega, der 1997 in Heidelberg geboren wurde, in München aufgewachsen ist und ab 2016 in Wien studiert hat. Bei einem Verriss exponiert man sich, geht das Risiko ein, allein mit seiner Meinung dazustehen. „Mir ist wichtig, dass ich einen präzisen Ausdruck finde, dass man merkt: Ich habe nachgedacht, sehe das so und schreibe es dann auch.“

Gerade hat Ortega den AICA Preis für junge Kunstkritik bekommen. Prämiert wurde sein Artikel über eine Ausstellung von Milen Till bei Crone Wien „aufgrund der Genauigkeit der schriftlichen Herangehensweise sowie einer kritischen Betrachtung der einzelnen Werke“, heißt es in der Begründung der Jury. „Die kunsthistorisch detaillierte Kontextualisierung der Arbeiten bietet Leser*innen einen präzisen Überblick, um die Ausstellung räumlich nachspüren zu können. Zudem gelang es Ortega mit Wortwitz, einen leser*innenfreundlichen Text zu verfassen, der es trotzdem erlaubt, einen Faktencheck über das Gezeigte zu erlangen.“

Hannah Neckel, Ausstellungsansicht House of Losing Control, Vienna Artweek 2021, Foto: Victor Cos Ortega / artmagazine.cc

Fanny Futterknecht, Ausstellungsansicht House of Losing Control, Vienna Artweek 2021, Foto: Victor Cos Ortega / artmagazine.cc

Ortega: Vom Bühnenbildner zum Kritiker

Ortega ist auch ein schönes Beispiel dafür, dass man über Umwege ans Ziel gelangen kann. Eigentlich hat er nämlich Bühnenbild fürs Theater studiert, bis er merkte, dass es sich „wie eine Sackgasse anfühlt“ und auf Kunstgeschichte umsattelte. „Es hat mir schon an der Uni Spaß gemacht zu schreiben“, sagt er. Nach dem Studium schickte er dann Textproben an zahlreiche Publikationen. Das artmagazine erkannte sein Talent und nahm Ortega für ein Jahr als Stipendiat seines Förderprogramms für junge Kunstkritik auf.

„Ich schreibe nicht nur Besprechungen fürs artmagazine, sondern bekomme auch Feedback. Wir reden darüber, was ich besser machen kann, dadurch lerne ich viel“, erzählt Ortega. Konkrete Vorbilder hat er keine, von der New Yorker Essayistin Susan Sontag ist er begeistert. „Ihre Texte lesen sich leicht, über kleine Details lernt man, etwas ganzheitlich zu verstehen.“ Ein Anfängerfehler beim Schreiben sei nämlich oft, dass man zu viel in einen Text packen möchte. Aber gerade dadurch wird nichts greifbar, alles bleibt abstrakt. Wer hingegen wie durch die Lupe einen konkreten Aspekt vergrößert und dann in einen Kontext setzt, der zieht seine Leserschaft eher in den Bann.

Schreiben ist Sehen und Übersetzen

Was ist noch wichtig beim Schreiben? „Genaues Sehen“, sagt Ortega, der zweisprachig aufgewachsen ist – seine Mutter kommt aus Spanien. „Was auf den ersten Blick schwarz wirkt, kann auch ein dunkles Blau sein.“ Der nächste Schritt ist dann das Übersetzen in eine Sprache, die auch einen gewissen Rhythmus haben sollte. Die einfach und nachvollziehbar ist.

Wenn du jetzt neugierig geworden bist und Kritiken von Victor Cos Ortega lesen möchtest, hier ist ein Link zum artmagazine, da schreibt er regelmäßig ein bis zwei Mal im Monat.

Sein jüngster Artikel über die Ausstellung „Sigrid Viir | False Vacationer“ in der Christine König Galerie ist in der 190. Ausgabe von The Gap erschienen.