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Bank Austria Salon, Foto: Oreste Schaller

07.12.2021

Nicht atemlos durch die Nacht

Themen

Klaus Laczika ist Intensivmediziner im AKH. Er beschäftigt sich aber auch mit der Frage, welche Musik dabei hilft, Genesungsprozesse zu unterstützen. Im Bank Austria Salon hält er regelmäßig spannende Vorträge.

Im Interview erklärt er dir, wie Musik auf den Körper wirkt und welche Melodien dabei eingesetzt werden. So viel sei verraten: Techno ist eher kontraproduktiv, Helene Fischer geht aber. Wichtig ist vor allem, dass die Patient*innen etwas Positives mit einem Song verbinden.

Klaus Lazcika, Foto: Julia Stix / jammusiclab.com

Wie kann Musik heilungsunterstützend wirken?

Man setzt Musik ja bereits seit Jahrtausenden ein, aber erst in den letzten Jahrzehnten wird das wissenschaftlich erforscht. In der Barockzeit gab es die sogenannten Affektenlehre, die beschrieb, welche Gemütsbewegungen Musik auslöst. Jede*r Komponist*in musste diese Lehrbücher strebern, um zu wissen, wie man mit Musik eine lustige, traurige oder beschwingte Stimmung erzeugen kann. Komponist*innen waren schon immer die besseren Ärzt*innen, sie wussten, welche Musik sich wie auswirkt.

Welche Musik beruhigt?

Das ist eben die Frage. Die Musiktherapie ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, und zwar gleichzeitig in Amerika und in Wien, das muss man stolz sagen. Aber oft wurde dann im Operationssaal oder am Krankenbett einfach irgendetwas gespielt, was wenig Sinn macht. Es ist ja auch ein Unterschied, ob ich eine Tablette gegen Fußpilz oder eine gegen Lungenentzündung nehme.

Wie wird gemessen, wie sich Musik auswirkt?

Bei uns auf der Intensivstation im AKH ist das einfach, weil die Patient*innen bereits an Überwachungsgeräten hängen. Man untersucht die automatischen Körpervorgänge, die nicht unserem Bewusstsein unterliegen. Das nennt man autonomes oder vegetatives Nervensystem, weil es unabhängig von unserem Willen funktioniert. Gemessen wird die Herzfrequenzvariabilität, das ist die natürliche Variation der Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Herzschlägen. Der Herzschlag ändert sich, mit der Einatmung wird er ein wenig schneller, bei der Ausatmung langsamer, wenn man gesund ist. Unter Stress schlägt das Herz total starr, im Erholungszustand tanzt es um die Atmung herum, wird schneller und langsamer.

Bank Austria Salon, Foto: Oreste Schaller

Techno kommt also eher nicht zum Einsatz?

Es gibt jede Menge Studien, die besagen, dass Techno Stress erzeugt. Wir machen bei unseren Patient*innen eine Hörbiografie. Wir fragen sie oder ihre Angehörigen, was sie gerne mögen. Wir spielen nie das vor, von dem wir glauben, dass es gut ist, sondern, was sie am liebsten hören, was sie ruhig und zufrieden macht.

Das kann auch Helene Fischer sein?

Absolut, oder Udo Jürgens. Alles geht. Wenn wir wissen, der*die Patient*in liebt Helene Fischer, dann treiben wir das auf. Der passende psychologische Begriff ist Konnotation: Wenn man etwas Positives verbindet mit der Musik, dann hilft sie besser. Auf Vorträgen erzähle ich immer von meinem ersten Skikurs. Wir durften damals mit 14 in die Disco gehen, und haben unsere Schillinge zusammengelegt, damit der DJ „Samba Pa Ti“ von Carlos Santana auflegt, um eng mit Mädchen zu tanzen. Falls ich krank werde, wäre das auf jeden Fall ein Lied, das bei mir beruhigend wirken könnte.

Wird Musiktherapie denn auch bei Covid-Patient*innen eingesetzt?

Wir haben gerade am AKH ein neues Forschungsprojekt gestartet, um die Atmung zu beeinflussen. Es geht darum, den Körper einzuladen, sich dem ruhigeren Puls der Musik anzupassen. Wir versuchen mit speziell komponierten längeren Musikphrasen, Patient*innen, die sehr kurzatmig sind, in einen ruhigeren Atemrhythmus zu versetzen. Zuerst müssen sie aber von den Beatmungsgeräten frei sein und eine reduzierte Virenlast aufweisen.