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Foto: Rémy Ballot

02.09.2021

Spüren, was gerade passiert

Rémy Ballot ist ein Geheimtipp der jungen, aufstrebenden Dirigentengeneration. Er hat mit Musiker*innen im Westjordanland gearbeitet und leitet ein eigenes Orchester.

Im Interview erzählt er, warum er nach Corona nicht einfach dort weitermachen möchte, wo er aufgehört hat. Den Bank Austria Salon findet er den perfekten Rahmen, um ein Gefühl der Intimität herzustellen, das in der Musik wieder wichtiger werden wird.

Rémy Ballot
Foto: Reinhard Winkler

Sie wurden 1977 in Paris geboren. Warum sind Sie 2004 nach Wien gezogen?

Wien ist eine Musikstadt. Ich dachte mir, hier kann ich viel lernen. Ich habe dann ja auch in zahlreichen Orchestern gespielt, um möglichst unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln. Man muss sich immer weiterentwickeln, durch die Begegnung mit anderen bewegt und verändert man sich. Das finde ich spannend.

Sie sind Dirigent und Geiger. Verstehen Sie dadurch beide Seiten besser?

Absolut. Als Dirigent erweitert sich mein Repertoire, ich kann auch Richard Wagner oder Anton Bruckner spielen. Das ist eine totale Bereicherung. Als Geiger spielt man selten Solostücke, man wirkt vielmehr mit anderen zusammen. Ich kenne die Wünsche der Streicher*innen besser, kann als Dirigent darauf reagieren. Mir ist klar, was sie brauchen. Vor allem, wenn man mit jungen Menschen arbeitet, ist es wichtig, dass man ihre Ängste und Probleme ernst nimmt.

Weitermachen nach der kulturellen Dürre der Corona-Krise

Sie waren 2019 am Aufbau eines Orchesters in Ramallah, Palästina, beteiligt. Wie war das?

Eine aufregende Erfahrung, weil es ja auch eine völlig andere Welt ist. Ich habe tolle Musiker*innen kennengelernt, wir haben Konzerte in Ramallah, Bethlehem und in Jordanien gespielt. Die Idee dahinter war, dass Menschen durch die Musik eine neue Perspektive bekommen. Dass sie nicht nur an Politik denken, sondern einen anderen Horizont sehen. Das Projekt war Teil der Barenboim-Said-Akademie. Es ging also auch darum, junge Talente für ihre Aufnahmeprüfung in Berlin vorzubereiten. Damit sie eine Zukunft als Student*innen in Europa haben. Leider wurde die Arbeit durch die Corona-Krise gestoppt. Das ist sehr schade.

Hat Corona auch Ihre Arbeit beeinflusst?

Es wurde vieles abgesagt. Mich beschäftigt gerade die Frage, wie man jetzt weitermachen soll. Ich möchte reagieren auf unsere Zeit. Ich glaube, man muss als Musiker*in spüren, was gerade passiert, was das Publikum braucht. Ich frage mich: Was ist die richtige Antwort nach diesem Jahr der kulturellen Dürre? Ich überlege, wie man mit den Zuschauer*innen interagieren kann, welche Stücke dafür infrage kommen. Ich möchte versuchen, das Publikum sehr direkt anzusprechen – ihm eine neue Art der Erfahrung ermöglichen. Dass man sich ein bisschen wie daheim fühlt, wo man Hausmusik macht.

Ein Konzert als Geschenk

Was hat sich nach den zahlreichen Lockdowns verändert?

Die Stimmung ist komplett anders als vor einem Jahr. Die Leute müssen sich erst wieder an die veränderte Situation gewöhnen. Ich möchte eine Art Wiederaufbau mit Musik initiieren. Mit meinem Orchester, dem Klangkollektiv, den Menschen ein Konzert schenken. Auch im Bank Austria Salon: Ich habe mein Programm, das ich für den Herbst plane, schon dreimal umgeworfen. Man muss umdenken. Ich möchte nicht nur wieder dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe. Ich denke, das Gefühl der Intimität wird in der Musik wieder wichtiger werden. Und dafür bietet der Salon den perfekten Rahmen.