A line as a tour a cut as a wound 2021 Akbild Wien

A line as a tour, a cut as a wound, steel, lead sheets, drawings, dimensions variable, 2021. Exhibition view, detail, Sculpture Department, Academy of fine Arts, Vienna 2021. Foto: Bianca Phos

20.04.2021

Gemeinsam Luft holen

Bianca Phos kann lange von der Schönheit eines simplen Pflasters schwärmen. Was die Wiener Künstlerin sonst noch beschäftigt? Trauma und Technologie. Verletzen und Heilen. Und Torten in der Konditorei. Es gibt Momente im Leben, die alles verändern. Plötzlich werden ganz banale Dinge wie Luftholen oder Gehen zu einer Herausforderung. Und der eigene Körper zu etwas Fremdem, über das man keine Kontrolle mehr hat.

2014 war so ein Moment für die Wiener Künstler*in Bianca Phos. „Ich war mit meinem Freund auf dem Motorrad unterwegs. Ein Auto fuhr ins uns rein“, sagt sie: „Danach war ich jahrelang in Therapie. Das hat mich noch lange beschäftigt: Wie ein System abgeschaltet und dann wieder neu angeworfen wird.“ Dass Phos von ihrem Körper als System spricht, ist kein Zufall. Der Posthumanismus-Diskurs interessiert sie (Stichwort: Donna Haraway). Der Unfall war für sie eine Chance, alles nochmal anders zu sehen. Auch ihre Kunst.

Relational Breathing, sound environment with transducer array, 07’00’’ (loop), 2020. Exhibition view, Haus Wien, 2020. With works of Angelika Loderer and Kerstin von Gabain in the background. Foto: Bianca Phos


Photo: Bianca Phos

Plötzlich ergaben sich ungeahnte Forschungsfelder: Verletzen und Heilen. Trauma und Technologie. Körpererinnerung und Fantomschmerzen. „Erst wenn man Halsschmerzen hat und die Luft durchrasselt, merkst Du, dass Du eine Luftröhrenwand hast“, sagt Phos. Das Atmen verbindet Mensch und Tier. Jeder von uns atmet, aber kaum jemand denkt darüber nach.

Überlebenstraining

Klingt interessant, aber, wie kann man daraus Kunst machen? Zuerst redet Phos mit vielen Leuten, mit Ärzt*innen, einer Taucherin, Anästhesist*innen und Soldat*innen, die Techniken lernen, über eine ruhige Atmung den Fluchtreflex zu unterdrücken. Daraus wurde dann die Installation „Relational Breathing“. Du stehst unter einem Baum und hörst Atemgeräusche, hektische und ruhige, die aufeinander zulaufen. Kunst wird dabei sinnlich erfahrbar, sie berührt dich sehr direkt.

Phos macht mit ihrer Kunst Überlebenstraining. Kommt sie jemals wieder in eine Extremsituation, weiß sie auf jeden Fall, wie sie entspannt und fokussiert bleibt. Schräge Dinge liegen ihr. Hast du schon einmal über die Schönheit eines simplen Pflasters nachgedacht? Phos kann lange davon schwärmen, wie perfekt die Löcher gesetzt wurden, damit die Haut atmen kann. Oder, über die abgerundeten Ecken, von medizinischem Design.

Sollbruchstelle (splint 3), ceramic and slip fired with salt-soda, marshmallow, 4 x 12 cm, 2018. Exhibition view, detail, Bezalel Gallery, Jerusalem 2018, Foto: Bianca Phos

Sollbruchstellen

Prothesen interessieren sie besonders. In der Arbeit „Sollbruchstelle“ hat sie Keramiken Schienen verpasst, wie sie Menschen tragen, um Finger zu stabilisieren. In „Che(e/a)tah“ beschäftigt sie sich mit der Cheetah-Beinprothese, die vom Bio-Ingenieur Van Phillips entworfen wurde. Paralympic-Läufer*innen wie Aimee Mullins und Oscar Pistorius haben damit Rekorde aufgestellt – auch, weil diese Prothesen rund 30 Prozent weniger Energie verbrauchen als biologische Beine, was an sich schon sehr spannend ist. Aber Phos hat weitergeforscht, wie diese Prothesen in der Populärkultur eingesetzt werden. Beide Sportler*innen haben Werbekampagnen mit Modedesigner*Innen gemacht. „Pistorius wurde für das A*Men Parfum von Thierry Mugler wie ein futuristischer Superheld abgelichtet“, erklärt Phos: „Und Mullins wurde von Nick Knight für Alexander McQueen mit dem Skelett eines Reifrocks als Puppe inszeniert.“ Selbst, wenn es um Prothesen geht, schlagen klischeehafte Geschlechterbilder durch: Männer sind Heroes, Frauen Puppen.

Torten für alle!

Phos möchte sich auf kein Material festlegen, offen bleiben für unterschiedliche Zugänge. Das neue Studio ist ideal für ihre „skulpturale Praxis“, wie sie sagt: „In Zeiten, in denen ich kein eigenes Studio hatte, habe ich viel gezeichnet.“

Mit dem Zeichnen hat übrigens alles begonnen. Phos, 1985 in Wien geboren, ist schon als Kind in ihre eigene Welt abgetaucht, wenn sie malen konnte. „Für meine Eltern war das praktisch: Man musste mir nur Stifte geben, und ich war ruhig“, scherzt sie. Ihre Großeltern hatten eine Konditorei in Niederösterreich: „In den Sommerferien bin ich dort gesessen und habe die Gäste mit ihren Hunden gezeichnet.“ Eigentlich auch ein schönes, posthumanes Thema: Hund und Mensch beim Tortenessen.

Tentacular, thermoplast, metal, 60 x 40 x 90 cm, 2019. Exhibition view, detail, Über das Neue. Junge Szenen in Wien, Framers (idle hands), Belvedere 21, Österreichische Galerie Belvedere, Vienna 2019. Foto: Bianca Phos