Hero Icelandic Soup 2017c Sarah Rinderer

Icelandic Soup, Foto: Sarah Rinderer

28.10.2021

Ehrliche isländische Suppe

Die Bregenzer Künstlerin Sarah Rinderer liebt Fehler. Weil es viel spannender ist, Leerstellen selbst zu füllen, als alles ausbuchstabiert zu bekommen. Sie hat mit Signalflaggen der Schifffahrt gearbeitet, Satzzeichen aus Büchern von einem Quartett spielen lassen und mag virtuelle Reisen am Küchentisch.

In den letzten Jahren war Rinderer viel unterwegs, jetzt freut sie sich, in ihrem Bank Austria Studio in Wien anzukommen, zu schreiben und auf räumliche und zeitliche Distanz mit einer verstorbenen Dichterin künstlerisch in Kontakt zu treten.

Sarah Rinderer, Foto: Petra Rainer

Mutterschrauben Revisited, Foto: Sarah Rinderer ®Google

2017 war Sarah Rinderer ihrer Zeit voraus. Damals wusste noch keiner von einer Pandemie, die alle ins Homeoffice schicken sollte und Reisen eine schwierige bis unmögliche Angelegenheit werden ließ. Rinderer reiste schon damals virtuell, von ihrem Laptop am Küchentisch machte sie sich mittels Street View in die tschechische Stadt Planá auf. Aus dieser früher sudetendeutschen Stadt war ihre Großmutter 1946 vertrieben worden. Daraus wurde die Erzählung „Mutterschrauben“, eine digitale Erinnerungsreise zwischen einer Großmutter und ihrer Enkelin.

2020 gab es dann eine revisited Version davon. In Zeiten von Reise- und Ausgangsbeschränkungen nahm die 1994 in Bregenz geborene Künstlerin ihr Publikum in Form einer Videolesung auf einen virtuellen Spaziergang mit. Man saß daheim, aber hatte das Gefühl, in Planá unterwegs zu sein, mit Sarah Rinderer als poetischer Reiseführerin.

Finde den Fehler!

Was sie daran interessiert: „Manchmal sind die Straßenbilder nicht richtig zusammengesetzt, dann gibt es Pixelfehler. Alles wird unscharf, eigentlich analog zur richtigen Erinnerung.“ Fehler findet Rinderer generell interessant. Auch bei der Literatur fasziniert sie vor allem, was nicht ausgesprochen ist, was zwischen den Zeilen steht oder in Satzzeichen steckt. „»–.!:“ ist der Titel einer Komposition aus Interpunktionszeichen für ein gemischtes Quartett. „Wenn man alle Buchstaben ausblendet, nur diese Satzzeichen übrigbleiben, sehen die Buchseiten wie Notenblätter aus. Gemeinsam mit Musikern und Musikerinnen habe ich diese in Klang übersetzt.“

Überhaupt gibt es viel mehr Arten zu kommunizieren, als wir auf dem Radar haben. Das internationale Flaggenalphabet in der Seefahrt zum Beispiel, mittels dessen sich Schiffe über weite Distanzen und Sprachbarrieren hinweg verständigen können. „QF – Cannot make out your Flags, come nearer“, hisste Rinderer da 2019 ihr Statement aus Signalflaggen am Wiener Club FLUC.

Cannot make out your Flags, come nearer, Foto: Sarah Rinderer

» – . ! (Komposition aus Interpunktionszeichen für gemischtes Quartett), Foto: L. Bachmann

Gespräche auf Distanz – über Sprachgrenzen, Zeit und Raum hinweg

Gerade beschäftigt sie sich mit dem Winkeralphabet, Signalgesten, die in der Schifffahrt, aber auch auf Flughäfen eingesetzt werden. „Die US-amerikanische Autorin und Künstlerin Hannah Weiner (1928–1997) hat ihre Gedichte mit Signalflaggen performt – und gebeten, darauf zu antworten. Das möchte ich jetzt mit zeitlichem Abstand tun.“

Gespräche auf Distanz nennt Rinderer ihre Arbeiten, in denen Literatur, Performance, Musik und Videos zusammenkommen. Während sie 2017 in Island ein Erasmus-Semester machte, interessierten sie Diskussionen, die Sprache frei von Fremdwörtern zu halten. Einer der ersten Nachweise dieses Sprachpurismus findet sich im Gedicht „Krankheit und Tod des Isländischen“. In diesem beschreibt Eggert Ólafsson (1726–1768) die Sprache als Frau, die an einer tödlichen Krankheit leidet, ausgelöst durch zu viele Fremdwörter. Sie träumt von einer „ehrlichen isländischen Suppe“. Rinderer hat diese Suppe augenzwinkernd gekocht, mit einer handelsüblichen Buchstabensuppe, in der aber leider die spezifisch isländischen Sonderzeichen fehlen.


Bank Austria Studio im Creative Cluster, Foto: Alexi Pelekanos

Kunst im Klassenzimmer – ihr Bank Austria Studio

Ironie und Poesie, Kommunikation und Kritik: In den Arbeiten von Rinderer gehen scheinbare Widersprüche mit schöner Leichtigkeit zusammen. Es ergeben sich spielerisch neue Zusammenhänge. Man schmunzelt, fängt an zu überlegen.

Vor kurzem hat sie eines der fünf Bank Austria Studios bezogen. Sie arbeitet jetzt in einem alten Klassenzimmer und ist überglücklich, weil da noch eine Schultafel hängt. „Ich brauche fürs Bauen und Überarbeiten eines Textes länger als fürs Schreiben selbst“, sagt sie. „Aber das macht auch am meisten Spaß.“ Die Kreide liegt dafür bereit und auch eine große Tafel, auf der man immer wieder löschen kann. Sogar analog.