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Foto: Jojo Gronostay

27.07.2021

High Heels in Großformat

Jojo Gronostay liebt Flohmärkte. Für sein Kunstprojekt und Modelabel „Dead White Men’s Clothes“ ist er nach Ghana gereist, woher sein Vater kommt, und hat auf einem riesigen Markt in Accra Klamotten geshoppt, die dann bearbeitet und neu zusammengenäht wurden. Die Einheimischen nennen diese Second-Hand-Ware aus Europa „Obroni Wawu“, was so viel wie „Kleidung von toten weißen Menschen“ bedeutet.

Komplexe Geschichten über Identität, das Verhältnis von Europa und Afrika und Machtstrukturen interessieren Gronostay, der in Wien studiert hat und nun ein Bank Austria Studio im fünften Bezirk bespielt.

Der deutsche Künstler Jojo Gronostay arbeitet in einem der Bank Austria Studios Foto: Jojo Gronostay

In den 1970er-Jahren kamen die ersten Containerschiffe nach Ghana, sie waren voll mit Second-Hand-Klamotten aus Europa. „Die Menschen in Ghana konnten nicht glauben, dass so hochwertige Kleidung umsonst weggegeben wird und vermuteten, dass die Vorbesitzer verstorben sein müssen“, erzählt Jojo Gronostay, der 2017 sein Label DWMC („Dead White Men’s Clothes“) gegründet hat. Es agiert an der Schnittstelle von Kunst und Mode.

Foto: Jojo Gronostay

Foto: Jojo Gronostay

Die Geschichte dieser gespendeten Kleider, die auf Reisen gingen, ist spannend. Die Secondhandware aus Europa zerstörte eine florierende Textilwirtschaft in Ghana. Gleichzeitig gibt es heute rund 30.000 Verkäufer*innen. „Dadurch werden eine Menge Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Gronostay. „Es gibt auf komplexe Fragen oft keine einfachen Lösungen. Genau darum geht es mir in meiner Kunst.“ Die gefundenen Secondhand-T-Shirts werden von ihm bearbeitet, drei verschiedene zu einem neuen zusammengenäht. Hosen werden mit Haarfarbe gebleicht. „Bleaching hat viel mit schwarzer Identität zu tun. In Afrika gibt es viele Menschen, die Bleichcremen verwenden, um eine hellere Haut zu bekommen“, erzählt der Künstler, den Identität, Globalisierung und Machtstrukturen interessieren.

Photo: Yannick Schuette

Von Berlin nach Accra: Sechs Stunden täglich am Markt

Jojo Gronostay wurde 1987 in Hamburg geboren, mit zwölf ist er dann mit seiner Mutter nach Berlin gezogen. Er fühlt sich als Berliner, erzählt er. Und er klingt auch so, wenn man mit ihm redet. Mit seinem Vater aus Ghana hatte er lange nur losen Kontakt. Erst durch sein Kunstprojekt DWMC machte er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. „Ich bin 2017 nach Accra gefahren“, erzählt er: „Und war drei Wochen lang jeden Tag auf dem Kantamanto-Markt, einer der größten Sammelstellen für gebrauchte Kleidung weltweit.“ Täglich verbrachte er fünf bis sechs Stunden dort. Die Leute kannten ihn schon, begannen mit ihm zu plaudern.

Er macht aber nicht nur Unikate aus Secondhandware, sondern fotografiert auch viel. Einen in Accra auf der Straße gefundenen High Heel hat er so abgelichtet, dass er wie eine Skulptur aussieht. Gerade schneidet er in Berlin einen Film, der in Ghana gedreht wurde. Ende dieses Jahres soll er dann in der Galerie Hubert Winter zu sehen sein.

Foto: Jojo Gronostay

Endlich Platz für Skulpturen

In Wien ist er wegen des Studiums gelandet. Er hat sich an der Akademie der bildenden Künste in der Fotoklasse beworben – und wurde aufgenommen. Nebenher hat er in der Grellen Forelle gekellnert, auch um sich Teile seines DWMC-Projekts zu finanzieren. „Ich habe mich sofort in die Stadt verliebt“, sagt er, „und bin extrem froh, dass ich jetzt auch ein eigenes Studio habe.“ Gronostay ist einer der jungen Künstler*innen, die für zwei Jahre ein Bank Austria Studio zur Verfügung gestellt bekommen haben. „Endlich habe ich Platz, andere Formate auszuprobieren und auch mehr ins Skulpturale zu gehen.“

Und hier noch drei Lieblingsplätze von Jojo, die ihn inspirieren:

  1. Wenn ich Zeit habe, gehe ich zum Flohmarkt auf dem Gewerbepark Stadlau. Der ist riesig und noch immer ein Geheimtipp.
  2. Ich hänge gern im Augarten ab, das ist eine grüne Oase mitten in der Stadt. Ein schöner Park, in dem ein riesiger Bunker steht: Ich finde das einen interessanten Kontrast.
  3. Die Alte Donau ist toll, ich gehe da regelmäßig joggen. Und mag, wie urban und zugleich ländlich es dort ist.