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Das Bank Austria Studio von Contemporary Matters in der Seestadt Foto: Alexi Pelekanos

30.11.2021

Vereinte Kräfte

Wie arbeitet es sich im Kollektiv? Eine Frage, die gerade viele beschäftigt. Die Wiener Kunst- und Diskurs-Plattform Contemporary Matters zeigt vor, wie es geht: Bei manchen ihrer Projekte sind bis zu 20 Personen beteiligt.

2018 hat sich Contemporary Matters aus Student*innen der Kunstgeschichte formiert. Pamela Heilig gehört zum Kernteam und erklärt dir, wie die Arbeit konkret abläuft und was zentrale Themen sind.

Contemporary Matters

Wer schon einmal ein Referat für die Uni geschrieben hat, weiß, wie viel Arbeit darin steckt. Gedanken müssen klar formuliert, eine Struktur entwickelt werden. Wie um alles in der Welt soll das im Kollektiv funktionieren? „Wir sitzen mitunter neun Stunden am Stück gemeinsam an unseren Computern und arbeiten an einem Vortrag“, erzählt Pamela Heilig, die zum Kernteam von Contemporary Matters gehört. „Einige von uns sind in unserem Atelier in der Seestadt lose auf Stühle verteilt, andere sind von daheim aus zugeschaltet. Wir arbeiten hybrid.“

Für eine feministische, queere, globale Kunstgeschichte

Die Plattform Contemporary Matters trägt schon im Namen, was die Zielrichtung ist: ein zeitgenössischer Zugang zu Themen. „Wir glauben, dass jede Kunstgeschichte in der Gegenwart geschrieben wird“, steht auf der Website. Das bedeutet, dass die Vergangenheit immer wieder aufs Neue befragt und überprüft werden muss. Wie queer, feministisch, national, regional war das Barock? Oder die Antike? Ein starrer Kanon kann nicht die Lösung sein, er schließt viele Menschen und interessante Ansätze aus.

Entstanden ist Contemporary Matters 2018 durch Student*innen der Kunstgeschichte in Wien. Die Gründungsmotivation war eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Studium. „Wir wollten eine Plattform für Inhalte sein, die an der Uni nicht genügend gelehrt werden: Diskurse, eine globale Kunstgeschichte und feministische Themen.“ Mittlerweile haben die meisten ihr Studium abgeschlossen, leben und arbeiten in anderen Kontexten.

Entschieden wird basisdemokratisch

Das Kernteam von Contemporary Matters besteht aus sieben Leuten, aber an konkreten Projekten arbeiten bis zu 20 Beteiligte. „Dieser gegenseitige Austausch und die Vielfalt der Meinungen und Ideen macht einen großen Reiz unserer Arbeit aus. Jede*r bringt unterschiedliche Kompetenzen mit“, erzählt Pamela. „Wir entscheiden basisdemokratisch, was mehr Zeit braucht. Natürlich ist das manchmal ein Geduldsproblem, aber Stimmenpluralität ist uns wichtig.“

Das Kollektiv arbeitet derzeit in einem der Bank Austria Studios in der Seestadt.

Gegen den Mythos der Expert*innen

Und worum geht es inhaltlich? „Im Mittelpunkt steht die Arbeit am Diskurs. Nicht das fertige Produkt steht an erster Stelle, wir interessieren uns für den Lernprozess und sind dabei auch sehr selbstkritisch. Wir sagen: Wir haben zwar nicht die Expertise, aber wir sind neugierig, etwas auszuprobieren und zu lernen.“ Dabei entstehen aber trotzdem sehr konkrete Dinge. Ein Journal zum Beispiel, das auf Multiperspektivität setzt und junge Menschen motivieren möchte, ihre Sichtweise darzulegen. Es geht nicht um den Mythos der „Expert*innen“ oder gar um „Genies“, sondern um einen Austausch von Standpunkten. Contemporary Matters nimmt den Anspruch, eine offene Plattform zu sein, sehr ernst: Jede*r kann sich jederzeit aktiv beteiligen. Regelmäßig können Texte – von Ausstellungskritiken bis zu Gedichten und akademischen Essays – eingereicht werden (auf Deutsch und Englisch).

Multiperspektivischer Blick auf die Welt

„Feminismus ist bei uns immer ein Thema“, sagt Pamela. Es geht aber auch darum, Produktionshierarchien zu dekonstruieren, um den Blick auf die Welt multiperspektivischer zu machen. Es gab bereits ein Symposion zum Thema Biodiversität oder eine Ausstellung am Karlsplatz, die sich mit der Geschichte dieses Ortes auseinandergesetzt hat und die Frage stellte: Wem gehört dieser zentrale Wiener Platz eigentlich? Und dann werden auch noch regelmäßig Podcasts produziert. Geplant sind für die Zukunft auch Workshop-Reihen und Leserunden.

Bist du neugierig geworden? Am besten, du folgst Contemporary Matters auf Facebook oder Instagram. Dort wirst du nämlich über die Open Calls informiert, bei denen du Texte fürs Journals einreichen kannst. Und Stammtische gibt es auch regelmäßig.